Predigt zum Passionssonntag – Joh 12,23-26: Krise als Chance?


Jesus aber antwortete ihnen: Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht wird. Amen, amen, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht. Wer sein Leben liebt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben. Wenn einer mir dienen will, folge er mir nach; und wo ich bin, dort wird auch mein Diener sein. Wenn einer mir dient, wird der Vater ihn ehren.


Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt....


Ich habe diese Stelle heute bewusst gewählt, weil sie uns etwas über die Dimension des Kreuzes und den Umgang mit der gegenwärtigen Krise sagen kann. Die beginnende Passionszeit lädt uns ja ein, das Geheimnis des Kreuzes und des Leidens zu meditieren. 


Aber wie kann das Kreuz, wie kann Leiden denn heilsam sein, fragen sich viele Menschen heutzutage. Wir sind es doch gewohnt, Leiden zu vermeiden oder aus unserer Gesellschaft zu verdrängen, ausser es findet im Fernsehen, fern ab von uns, statt. 


Zunächst ist es einfach natürlich, dass man nicht leiden möchte. Der Mensch sucht seit jeher das vollkommene Glück: Wer ist der Mensch, der das Leben liebt, der Tage ersehnt, um Gutes zu sehen (Ps 34,13).


Doch kann man wirklich glücklich werden ohne Leid bzw. eben gerade auch durch Leid? Die jetzige Krise trifft uns alle mit voller Wucht und Härte, wir werden alle, ob gläubig oder nicht, mit unserer Existenz, mit Leid und Tod konfrontiert. Die schlimmen Bilder finden eben nicht mehr nur im Fernsehen statt, sondern real vor unserer Haustüre, in den Familien. Dem damit verbundenen Leid, dem Stress, der dumpfen, depressiven Grundstimmung gilt es Raum zu geben und nicht gleich zu verharmlosen. Das Kreuz und der damit verbundene Schmerz tun erst einmal weh und man findet angesichts dieses Leidens auch keine klaren Worte. Der stumme Schrei des Schmerzes wird zum einzigen Gebet, die Last des Kreuzes zum Symbol der vielen Menschen, die unter der Last der Pandemie zusammenbrechen.


Eine schmerzhafte Belastung führt uns daher an den Rand der Existenz. Sie bringt uns der Tiefendimension unserer Existenz nahe, letztendlich dem Tod und der Vernichtungsangst. Wir fühlen uns ohnmächtig. Ohnmächtig gegen die rasante Ausbreitung des Virus. Wir werden auf uns selbst zurückgeworfen, sozusagen innerlich gekreuzigt.


Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt....


Im Johannes-Evangelium deutet Jesus seinen Tod als Wandlung, als Transformation, wenn er vom Weizenkorn spricht, das in die Erde fällt und stirbt. Leiden und Tod erscheinen somit nicht mehr als endgültige Grenze oder totale Vernichtung. Im Samenkorn verborgen findet sich bereits die neue Pflanze, die in der Tiefe heranwächst. Was «stirbt», ist nur die Gestalt des Samenkorns. Die eine Gestalt stirbt, damit die neue Gestalt entstehen kann. Das Neue ist bereits im Alten angelegt. Der Tod wird zur Wandlung, Altes muss vergehen, damit Neues entstehen kann. Jesus selbst steigt als letzte Konsequenz seines Lebens in die Nacht, in das Erdreich unserer Existenz hinab (Jesu Hinabstieg zu den Toten), um verwandelt am dritten Tage wieder aufzuerstehen. Sein irdischer Leib wird sich in den Leib des vom Tode Auferweckten wandeln. Sein Weg, seine Lebenshingabe für das Reich Gottes führt ihn ans Kreuz, er nimmt unsere Sturheit und Blindheit, unsere Rebellion auf sich. Er lässt dieses Leid zu und verwandelt es in neues Leben, ins neue Leben der Auferstehung. 


Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt....


Daher möchte ich euch alle einladen, diese Krise als Hindurchgang, als Transformation zu begreifen. Durch die vielen Einschränkungen sind wir auf uns selbst zurückgeworfen. Gezwungen erfinderisch oder solidarisch zu werden. Uns aufs Wesentliche zu besinnen. Auszuharren, unsere Grenzen zu akzeptieren, uns selber auszuhalten. Wir spüren dadurch die Ohnmacht des Kreuzes an uns, wir werden gekreuzigt. Das alte Leben, so wie wir es kannten, ist vorbei, es stirbt, aber am Ende dieser Krise werden wir verändert daraus hervorgehen, persönlich wie gesellschaftlich. Und diese Transformation hat bereits begonnen: Menschen werden nachdenklich oder finden gar zum Glauben, sie solidarisieren sich und werden erfinderisch. 


Daher kann nicht von einem Stillstand gesprochen werden, sondern von einer inneren Umwandlung dieser scheinbaren stillen Gesellschaft. Auch das Weizenkorn sieht man nicht wachsen, es scheint in der Erde zu schlafen und doch wirkt und wandelt es sich gerade dort, in der Dunkelheit, in der Tiefe. Lassen wir uns doch durch diesen schmerzlichen Prozess hindurch persönlich transformieren und läutern, damit auf der Welt ein Neuanfang, ein Umdenken, stattfinden kann. 


Leben bedeutet ständige Wandlung, Transformation, eben auch Schmerz und Verlust. Oft gehen wir aus einer schmerzlichen Erfahrung, verwandelt hervor. Wenn wir an der jetzigen Form des Lebens festhalten, werden wir es verlieren, sind wir allerdings bereit, loszulassen, werden wir auf eine Weise verändert werden, die wir uns nicht erträumen können und dieses tiefere Glück kann uns auch nicht mehr genommen werden.



Kontakt

Zelgstrasse 53

8134 Adliswil

MAIL: birgitte_leisegang@hotmail.com

TEL: 0041797727617

Spenden

Konto: 89-182025-8

IBAN: CH12 0900 0000 89182025 8

BIC: POFICHBEXXX

Kontobezeichnung: Mission gallicane Sainte Trinité

 

 

Pfarrerin Birgit Leisegang