Predigt Geist und Fleisch: Röm 8,12-17

 

 

Wir sind also nicht dem Fleisch verpflichtet, Brüder und Schwestern, sodass wir nach dem Fleisch leben müssten. Denn wenn ihr nach dem Fleisch lebt, müsst ihr sterben; wenn ihr aber durch den Geist die sündigen Taten des Leibes tötet, werdet ihr leben. Denn die sich vom Geist Gottes leiten lassen, sind Kinder Gottes. Denn ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen, sodass ihr immer noch Furcht haben müsstet, sondern ihr habt den Geist der Kindschaft empfangen, in dem wir rufen: Abba, Vater! Der Geist selber bezeugt unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind. Sind wir aber Kinder, dann auch Erben; Erben Gottes und Miterben Christi, wenn wir mit ihm leiden, um mit ihm auch verherrlicht zu werden.

 

 

 

COVID 19

 

Ein Riss mitten durch unser Leben.

 

 

 

Ein Riss mitten durch die Lunge des Sterbenden auf der Intensivstation.

 

 

 

Ein Riss mitten durch unsere Gesellschaft.

 

 

 

Eine feiernde Menschenmenge in einer Bar - Menschen stehen für Lebensmittelpakete an.

 

 

 

Ist ja alles nicht so schlimm - Menschen sterben.

 

 

 

In den Medien wird verkündet, dass es der Wirtschaft wieder besser geht - Menschen verlieren ihre Arbeitsstelle und ihre Wohnung,

 

 

 

Vor dem Lockdown - Nach dem Lockdown

 

 

 

Alles wie früher, ich nehme mein Leben auf wie wenn nichts gewesen wäre - Maskenpflicht

 

 

 

Alles wie vorher, wirklich alles? - Hygienemassnahmen

 

 

 

Der Tod sitzt mir im Nacken, nein, ich will es nicht wahrhaben. Ich verdränge es. Nur raus hier, feiern, austoben, Freunde treffen, der nächste Lockdown kommt bestimmt.

 

 

 

Ach, wohin wollten wir nochmals in die Ferien? - der Bundesrat verkündet Einreisebeschränkungen aus Risikoländern.

 

 

 

Meinem Nachbarn geht's schlecht. Er hat die Stelle verloren und ach, meine Freundin hatte COVID, ist aber nicht daran gestorben. Also alles halb so wild?

 

 

 

Was sind die richtigen Schutzmaßnahmen im Gottesdienst? Wie können wir unsere nächste Wallfahrt gestalten? Die Lebensmittelpakete, die wir für die Armen schnürten, nicht mehr so wichtig. Hauptsache das Pfarreileben geht in seinen gewohnten Bahnen weiter. Die Armen – sie können sich ja sonst wo verpflegen. Die Sozialinstitutionen sind ja wieder offen – weit gefehlt.

 

 

 

Meine Gedanken kreisen unaufhörlich - um mich - um mein Leben. Und das Leben der Anderen?

 

 

 

Auch die heutige Lesung aus dem Römerbrief spricht von einem Riss. Den Riss zwischen Geist und Fleisch, den Riss zwischen zwei Lebenshaltungen. Die Taten des Fleisches, die zum Tode führen, werden hier nicht explizit genannt, doch sie lassen vermuten, dass es sich dabei um eine Lebenshaltung handelt, die dem Egoismus frönt. Ich stelle mich und mein Wohlergehen ins Zentrum und lebe nach dem Bauch. Der Mensch, der sich hingegen vom Geist Gottes leiten lässt, lebt nicht mehr für sich selber, sondern für den, der für uns alle gestorben ist, wie Paulus im 2 Kor 5,15 schreibt.

 

Um Lebenshaltungen geht es auch gerade in der jetzigen Krise. Bin ich für andere da, berühren mich die Nöte der Anderen, der Armen, des arbeitslosen Nachbarn oder ziehe ich lieber die nächste Bar vor und ertränke all meinen Kummer, den Schmerz, die Schwere des Lockdowns und der Krise in Alkohol, unter Gefährdung des Lebens anderer? Tief in mir drinnen weiss ich, dass die Krise noch lange nicht vorbei ist und doch scheint für viele die Verdrängung der Not ein Weg mit diesem Schmerz und der Todesgefahr umzugehen, ganz nach der Devise: ich will davon nichts mehr wissen oder alles halb so schlimm. Ich will mein altes Leben zurück.

 

Der Riss

 

Er betrifft auch ein Vorher und ein Nachher.

 

Zum neuen Menschen, der nach dem Geiste lebt, werde ich durch die Reinigung, die Läuterung der Taufe. Ich steige mit Christus in den Tod, um als neuer Mensch aufzuerstehen. Neuschöpfung. Ein neues Herz wird mir geschenkt. Ich nehme das Herz aus Stein und gebe euch ein Herz aus Fleisch, verkündet bereits der Prophet Jeremia (Jer 34,31-34).

 

Die Taufe bedeutete für die ersten Christen ein Neuanfang, ein neues Leben beginnen. Das Alte hinter sich lassen, damit Neues entstehen kann. Das Neue zulassen können, sich führen lassen vom Geiste Gottes. Das Neue, Unbekannte annehmen können. Das erfordert Mut und Vertrauen. Einer neuen Situation, so schmerzlich sie auch ist, in die Augen schauen können. Als Kinder Gottes sind wir dazu fähig, der Wahrheit ins Auge zu blicken. Nicht die Gefahr zu verleugnen oder herunterzuspielen, sondern sie in all ihrem Ernst anzunehmen.

 

Leider ist in der momentanen Situation von diesem Neuen nicht viel zu spüren, auch nicht in den Kirchen. Hängen wir nach dem Lockdown nicht zu sehr am Alten? Gerne nehmen wir unsere früheren Aktivitäten wieder auf. Möglichst schnell zurück zum Status quo. Auch in der Kirche, das normale Pfarreileben aufnehmen. Verleugnung? Angst vor der Wahrheit? Vor dem Unbekannten? Davor, dass uns die Krankheit noch lange begleiten könnte. Vor den Einschränkungen?

 

Ich frage mich oft, was hat der Lockdown in uns wirklich bewirkt? Zwang er uns nicht zur Stille, zur inneren Einkehr, zur Umkehr? Eine Art Läuterung und Reinigung der Welt wie sie durch die Taufe geschieht. Das rasante Leben des 21. Jahrhunderts mit seinen neongleissenden Lichtern war plötzlich gestoppt. Die Welt hielt den Atem an. Zurück blieben die Armen. Sie offenbarten etwas von der Gebrochenheit, der Verletzlichkeit dieser Welt. Wir waren auf uns selber zurückgeworfen.

 

Mensch bedenke, dass Du sterblich bist. Leere, Leere, gefüllte Leere. Lassen wir uns diese Leere mit seiner Gegenwart füllen, mit der Gegenwart des Hl. Geistes, besinnen wir uns wieder auf das Wesentliche. Es schien so nah, eine neue Gesellschaft, geprägt von tieferen Werten wie Freundschaft und Solidarität.

 

Dann die Öffnung. Ein Aufatmen. Ich nehme mein altes Leben wieder auf. Der alte Mensch in mir rebelliert gegen diese neue tiefere Erfahrung. Ich kreise wieder um mich selber, um meine Gedanken. Alles wie früher? Der Lockdown mit einem durchaus neuen Lebensgefühl und Erfahrung einfach vergessen? Vergessen die Solidarität? Vergessen die Not? Vergessen der Tod, der immer noch im Nacken sitzt?

 

Mich beschleicht ein seltsames Gefühl: kann ich zurück zum Alten? Ein Teil in mir will das alte Leben wieder zurück, der andere Teil kann die Tatsache nicht verleugnen – so sehr ich es auch mit allen Kräften möchte – dass sich etwas verändert hat. Ich hoffe für Dich und mich, Gott hat mich während des Lockdowns berührt, mich auf das Wesentliche hingewiesen, mich zu sich selber finden lassen in der Stille meiner Kammer, hoffentlich, tief drinnen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Pfarrerin Birgit Leisegang