Der Tempel des Herrn: Joh 2,13-22     

 

 

Der 9. November ist der Weihetag der Lateranbasilika in Rom. Die älteste Papstkirche wurde von Kaiser Konstantin errichtet und im Jahr 324 von Papst Silvester I. eingeweiht. Ihre herausragende Bedeutung widerspiegelt sich in der Ehrenbezeichnung «Mutter und Haupt aller Kirchen des Erdkreises». Bis zum 14. Jahrhundert residierten im angrenzenden Lateranpalast die Päpste.

 

Ist es nicht eine Zumutung in Zeiten der Kirchenkrise und des Umbruchs der Weihe einer Basilika zu gedenken? Einem Gebäude, das für päpstliche und imperiale Macht steht? Ist dies das Kirchenbild, das wir weiterhin vertreten wollen? Die Texte zum heutigen Fest zeichnen uns allerdings ein differenziertes Bild von Kirche und «Tempel».

 

 

So existieren zunächst einmal in allen Kulturen und Religionen sakrale Bauten oder zumindest abgetrennte heilige Bezirke, die dem Heiligen oder einer Gottheit geweiht sind. Ein Haus Gottes, ein Gotteshaus, ein (Zentral)heiligtum, in dem die Gottheit wohnt. Vielleicht liegt der tiefere Grund darin, dass bestimmte Orte eine spirituelle Ausstrahlung haben können wie beispielsweise Naturheiligtümer oder einfach das schlichte Bedürfnis, für Gebet und Meditation eine besondere Ecke, einen Raum einzurichten, indem ich mich für die innere Einkehr zurückziehen und so das Alltägliche hinter mir lassen kann.   

 

 

Um den Begriff des «Tempels» in seiner äusseren und inneren Form geht es auch in unseren Lesungen.

 

Im Evangelium begegnen wir Jesus im Vorhof der Heiden, wo ein reges Markttreiben herrscht. Priesterlich überprüfte Opfertiere werden dort verkauft und das Profangeld in Tempelgeld gewechselt. Das rege Treiben eines Zentralheiligtums wie wir es von Pilgerstätten kennen mit ihren Souvenirläden und den Touristenströmen. Der Jerusalemer Tempel war aber nicht irgendein Heiligtum, sondern der bevorzugte Ort, an dem sich Gott niedergelassen hat (2 Samuel 6). Der Ort, an dem man Gott selbst begegnen konnte. Doch geschah diese Begegnung nur indirekt, vermittelt durch beamtete Priester und einem ausgefeilten Tempelkult. Religionen scheinen die Tendenz zu besitzen, das Heilige mit der Zeit eingrenzen, domestizieren und institutionalisieren zu wollen. Eine vermeintlich heilige Priesterschaft wird als Vermittlungsinstanz dazwischengeschoben und mit ihr der Kult- und Opferbetrieb. Einfachen Menschen wird der direkte Kontakt zur Gottheit verwehrt mit der Begründung, sie seien zu unrein, um sich der Gottheit zu nähern oder zu unwissend im Umgang mit ihr.

 

 

Jesus entlarvt mit seiner prophetischen Aktion den vermeintlich heiligen Kultbetrieb als profanes Markttreiben. Zu oft werden bestimmten religiösen Praktiken oder Vorschriften ein frommes Mäntelchen umgelegt, um eigentlich Profanes einen heiligen Anstrich zu geben und die Macht bestimmter religiöser Gruppen und Kasten zu festigen. Man denke an die Frauenbeschneidung in einigen afrikanischen Kulturen, an das Kastensystem in Indien oder den Ablasshandel im Christentum. Gegen diese religiöse Scheinheiligkeit sind beispielsweise im Alten Testament immer wieder Propheten aufgetreten, indem sie einen Opferkult ohne Gerechtigkeit anprangerten. Jesu Aktion kann in dieser prophetischen Tradition gesehen werden. Die sog. Tempelreinigung steht letztendlich für all das in der Religion, das vom Wesentlichen ablenkt, nämlich von der Gottesbegegnung und - beziehung.

 

 

Und trotzdem frage ich mich: kann überhaupt eine reine Religion existieren? So wie jede Wohnung des Hausputzes bedarf, so auch jede Religion. Sich mit der Zeit ideologisch, aber auch kultisch oder institutionell zu überfrachten liegt in der Natur der Sache. Das gilt auch für das Christentum: «Ecclesia semper reformanda», die Rückkehr und Konzentration auf das Wesentliche. Die Reinigung von religiösen Vorstellungen, Dogmen und einer Ansammlung menschlicher Ideen. Gilt es nicht vielmehr zum reinen Wort des Evangeliums zurückzukehren? Viele Bewegungen in der Kirchengeschichte, nicht nur die Reformation, versuchten diese Art von innerer spiritueller Reinigung durchzuführen, um auf das Wesentliche zu kommen. Ist nicht auch die momentane Kirchenkrise ein solcher Reinigungsprozess, wo wir uns fragen, wie kann das Christentum in der Welt des 21. Jahrhunderts glaubhaft vermittelt werden>? Müssen wir uns nicht von der Idee einer Staatskirche lösen? Repräsentieren unsere Kirchenbauten nicht diese Form von Staatskult?

 

 

Geht es im heutigen Evangelium auf einer ersten Ebene um den Jerusalemer Tempel als Gebäude, so spricht der Text auf einer zweiten Ebene vom geistigen Tempel wenn es im Vers 21 heisst: Er aber meinte den Tempel seines Leibes.

 

 

Jesus selbst wird zum neuen Tempel, zum neuen Ort der unmittelbaren Gottesbegegnung durch Tod und Auferstehung. Das Motiv des Todes und der Auferstehung durchzieht wie ein Subtext die Erzählung. Zunächst der Hinweis auf das Pessahfest, dann die Begründung der provokanten Handlung Jesu mit dem Psalm 69,10, allerdings im Futur formuliert: Der Eifer für dein Haus wird mich verzehren (Vers 17). Er soll auf Jesu Todesgeschick hinweisen. Sein Eifer für den Tempel, für das Haus Gottes, letztendlich für die Sache Gottes führen von Anfang an zu Konflikten und damit zu seinem Tod. Deshalb hat der Evangelist Johannes gegenüber den anderen Evangelien diese Erzählung an den Anfang gesetzt. Aber Johannes gibt auch einen Hinweis auf die Auferstehung indem Jesus von seinem Leib als Tempel spricht. Das griechische Wort für «errichten» kann in diesem doppeldeutigen Sinn benutzt werden, nämlich als Errichten eines Gebäudes oder als Auferstehen und Auferwecken. Die bewusste Doppeldeutigkeit des heutigen Evangeliums soll zeigen, dass die Präsenz Gottes vom äusseren Gebäude in Jesus verlegt wird. Jesus wird zum Ort der neuen Gottesbegegnung. Und tatsächlich durch die (heilende) Begegnung mit Jesus machten die Menschen eine neue und direkte Gotteserfahrung.

 

 

Diese Verlagerung der Präsenz Gottes vom Äusseren ins Innere, vom Gebäude in den Menschen selber, ist vor allem ein Kennzeichen mystischer und prophetischer Bewegungen aller Zeiten und Kulturen. Sie sind daher auch weniger kontrollierbar, weniger hierarchisch und oft suspekt und subversiv oder wie es in Joh 4,23 heisst: Aber die Stunde kommt und sie ist schon da, zu der die wahren Beter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn so will der Vater angebetet werden.

 

Die Präsenz Gottes in einem lebendigen Tempel bleibt aber nicht auf Jesus beschränkt. In der heutigen Lesung 1 Kor 3,16 vergleicht Paulus die Kirche, die christliche Gemeinschaft, mit dem Tempel und bezeichnet jeden einzelnen Christen und Christin als Tempel. Aus neutestamentlicher Sicht bildet die christliche Gemeinschaft die Kirche und ruht die Präsenz Gottes in dieser Gemeinschaft, im Herzen jedes Einzelnen. Gott allein im Tabernakel zu suchen und anzubeten, überhaupt zum Gebet eine Kirche aufzusuchen, ist strenggenommen eine Abkehr von dieser konsequent verinnerlichten Haltung. Selbstverständlich schliessen sich das Bedürfnis nach stillem Gebet vor dem Tabernakel und der Erfahrung der Präsenz Gottes innerhalb der christlichen Gemeinschaft nicht gegenseitig aus. Beides hat Platz und doch lässt sich Gott nicht auf ein Gebäude begrenzen wie es schon beim Propheten Jesaja (66,1) heisst: So spricht der HERR: Der Himmel ist mein Thron / und die Erde der Schemel für meine Füße. Was wäre das für ein Haus, / das ihr mir bauen könntet? Was wäre das für ein Ort, / der meine Ruhe ist?

 

 

Wir klagen heute gerne darüber, dass die Kirchen immer leerer werden, dass die Kirche in eine Krise geraten ist. Aber vielleicht ist diese Krise gerade heilsam, das geistliche Korrektiv zu einer zu sehr institutionalisierten Kirche, eine Art geistliche Tempelreinigung. Und vielleicht helfen uns die heutigen Texte wieder zu einer Form von Kirche zurückzufinden, die mehr das geistige Haus und die Präsenz Gottes in der Gemeinschaft, vor allem bei den Armen sucht, statt in selbstherrlichen Megabauten. Vielleicht müssen wir uns von einem sog. christlichen Abendland verabschieden, um andere Formen von Kirche zu leben. Und ich sehe bereits diese Aufbrüche. Der christliche Glaube ist nicht überholt, vor allem dort nicht, wo er authentisch gelebt wird.

 

       

 

Vom Tod zum Leben: Mt 9,18-26


Während Jesus so mit ihnen redete, siehe, da kam ein Synagogenvorsteher, fiel vor ihm nieder und sagte: Meine Tochter ist eben gestorben; komm doch, leg ihr deine Hand auf und sie wird leben! Jesus stand auf und folgte ihm mit seinen Jüngern. Und siehe, eine Frau, die schon zwölf Jahre an Blutfluss litt, trat von hinten heran und berührte den Saum seines Gewandes; denn sie sagte sich: Wenn ich auch nur sein Gewand berühre, werde ich geheilt. Jesus wandte sich um, und als er sie sah, sagte er: Hab keine Angst, meine Tochter, dein Glaube hat dich gerettet! Und von dieser Stunde an war die Frau geheilt. Als Jesus in das Haus des Synagogenvorstehers kam und die Flötenspieler und die Menge der klagenden Leute sah, sagte er: Geht hinaus! Das Mädchen ist nicht gestorben, es schläft nur. Da lachten sie ihn aus. Als man die Leute hinausgeworfen hatte, trat er ein und fasste das Mädchen an der Hand; da stand es auf. Und die Kunde davon verbreitete sich in der ganzen Gegend.


"Ich war tot und bin lebendig" (Off 1, 18). Ein Spruch aus der Offenbarung, der mir spontan einfiel als ich das Evangelium las. Und tatsächlich geht es hier um Leben und Tod, genauer um den Weg vom Tod zum Leben. Die Frage nach Leben und Tod begleitet uns auch im Monat November, wenn wir der Toten gedenken. Die Natur stirbt äußerlich, die letzten Blätter fallen vor dem einbrechenden Winter. Die Dunkelheit umhüllt uns mehr und mehr. Die sterbende Natur, die uns die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt, vor allem dann, wenn man in dieser Zeit jemanden verliert.


Um Todeserfahrung und neues Leben geht es auch im heutigen Evangelium. Im Zentrum der Erzählung stehen drei Personen, die auf ihrer Weise eine Todeserfahrung machen und zu neuem Leben erwachen: die Tochter des Synagogenvorstehers und ihr Vater sowie die blutflüssige Frau. Ihre Leben sind genommen, begrenzt, der Vernichtung nahe. Die Tochter des Synagogenvorstehers ist physisch tot, ihr Vater seelisch, die blutflüssige Frau sozial. Sie zeigen uns exemplarisch drei Arten des Todes.


So macht die Krankheit die blutflüssige Frau zur Aussenseiterin, weil sie durch den permanenten Blutfluss als kultisch unrein gilt. Sie ist vom spirituellen Leben abgeschnitten. Hinzu kommt der Ausschluss aus dem sozialen Leben. Durch Krankheit kann ich in der Ausübung meines Berufes oder in der Freizeit eingeschränkt oder gänzlich ausgeschlossen werden. Je nach Schwere der Krankheit nimmt sie mich völlig in Beschlag.


Das Leid im Haus des Synagogenvorstehers findet sich weniger bei der Verstorbenen als bei den Hinterbliebenen. Auch ihr Leben ist durch den Tod der jungen Frau abgeschnitten. Die Tochter ist verstorben und mit ihr alle Hoffnung und Erwartung. Der Tod eines geliebten Menschen kann Trauernde aus der Bahn werfen, sie in Schock erstarren lassen, wie jene Frau auf der Gasse, die ich vor zwei Wochen in die Arme nehmen durfte als sie um ihren Bruder trauerte, der soeben verstorben war.


In dieser ausweglosen Situation reissen beide, die blutflüssige Frau und der Synagogenvorsteher, noch einmal ihren ganzen Mut zusammen und setzen alles auf eine Karte. Was haben sie sonst zu verlieren. In der tiefsten Dunkelheit ihrer Verzweiflung geschieht die Wendung, die Transformation vom Tod ins Leben über diesen letzten verzweifelten Glaubensakt. Eine Vorwegnahme Jesu Tod und Auferstehung selbst.


Die blutflüssige Frau nähert sich Jesus scheu von hinten, berührt seine Quasten, Symbol für die Gebote Gottes. Die Geste könnte nicht symbolischer sein. Sie, die unreine, berührt die Quasten des Messias. Er wendet sich aber nicht ab, sondern ermuntert sie: Nur Mut! Dein Glaube hat dich gerettet. Jesus scheint in dieser Szene passiv. Die Heilung der Frau geschieht innerlich, durch die Kraft ihres Glaubens und Vertrauens.

Mut beweist auch der Synagogenvorsteher in der Hoffnung, dass Jesus das Unmögliche vollbringen wird, nämlich seine Tochter von den Toten aufzuerwecken. Wenn er der verheissene Messias ist, dann ist er der Einzige, der ihm noch helfen kann. Er sollte Recht behalten. 


Es stellt sich an uns die Frage, ob wir noch an Wunder glauben können. Können wir glauben, dass in einer ausweglosen Situation Rettung naht? Die Frage muss sicher jeder für sich selbst beantworten. 


Das heutige Evangelium zeigt uns zweierlei: 

Erstens, Heilung und Rettung, Rettung und Heilung können hier fast gleichgesetzt werden. Jesu Wunderheilungen dienen nicht nur seinem Machterweis als Messias, sondern als Wiederherstellung und Heilung von Menschen in schmerzhaften Situationen. Denn er ist gekommen, damit die Menschen das Leben in Fülle haben (vgl. Joh 10,10) und um zu suchen und zu retten, was verloren ist (vgl. Lk 19,10). 

Die Begegnung mit Jesus ist heilsam. Sie führt Menschen wieder zu sich selbst zurück wie unsere heutigen Protagonist/innen. Sie erfahren das Reich Gottes konkret durch Jesu Zuwendung in ihrer leidvollen Situation und sie machen die Erfahrung, dass ihnen neue Hoffnung, neues Leben geschenkt wird. Die blutflüssige Frau wird aus ihrer sozialen und religiösen Isolation herausgenommen. Die Reintegration in die Gesellschaft wird möglich. Was solch eine Reintegration den betroffenen Menschen bedeutet, erleben wir beispielsweise auf der Gasse, wenn Prostituierte oder auch Obdachlose den Ausstieg aus leidvollen Strukturen schaffen. Sie gewinnen ein Stück Normalität zurück, wenn auch der Weg dorthin steinig ist.


Auch der Synagogenvorsteher schöpft neue Hoffnung. Seine Tochter erhält äusserlich das physische Leben zurück während er innerlich neuen Lebensmut schöpft. Wie er mit seiner Tochter mitgestorben ist, so steht er auch wieder mit ihr auf.


Zweitens handelt es bei der heutigen Erzählung um eine Vorwegnahme des Weges, den Jesus selbst gehen wird: Tod und Auferstehung. Der Wendepunkt im Leben der drei Protagonist/innen geschieht zwar in einem Glaubensakt, aber mehr aus Verzweiflung als aus tiefem Vertrauen. Es handelt sich um den Hilfeschrei der Verzweifelten, des Menschen in der Nacht seiner Existenz. Jesus selbst wird am Kreuz für all diese Menschen schreien: Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen. 

Sich in seiner ganzen Existenz Gott überlassen, ihm zu einem Zeitpunkt, der besonders schmerzt, sein Herz hinzuhalten, zu einem Zeitpunkt, in dem nichts mehr bleibt ausser Gott, das ist der Glaube, der nach dem Evangelium gefordert wird. Ein Glaube, der meine ganze Existenz herausfordert. Ein Urvertrauen in den Lebensquell, den wir Gott nennen. Ein blinder Glaube etwa? Ja und nein. Blind im Sinne eines kindlichen Urvertrauens in Gott, genau wie der Synagogenvorsteher, der Jesus um die Erweckung seiner Tochter vom Tod bittet. Ein Glaube, den oft Menschen auf der Gasse zeigen, die wider aller Vernunft in ihrer Situation an Gott glauben. Also kein berechnender Glaube, sondern ein Glaube, der meine Existenz umgreift, auch die Dimension des Denkens. In dieser Hinsicht ist Glaube nicht blind, er hält uns an, Gott mit unserem Denken zu suchen und zu lieben.


Leben und Tod. Tod und Leben. Hindurchgang durch den Tod im Urvertrauen an den Gott, der mich aus dem Schatten des Todes, in der Nacht meiner Existenz zum neuen Leben erweckt..  wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt…. Das Weizenkorn stirbt nicht wirklich, es schläft nur in den Tiefen der Erde bis es zum neuen Leben erwacht.



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