Das wichtigste Gebot: Mt 22, 34-40

 

Als die Pharisäer hörten, dass Jesus die Sadduzäer zum Schweigen gebracht hatte, kamen sie am selben Ort zusammen. Einer von ihnen, ein Gesetzeslehrer, wollte ihn versuchen und fragte ihn: Meister (Rabbi), welches der Gebote (Mizvot) im Gesetz (Thora) ist das wichtigste? Er antwortete ihm: Du sollst den Herrn (Adonaj), deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken. Das ist das wichtigste und erste Gebot (Mizvah). Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen beiden Geboten (Mizvot) hängt das ganze Gesetz (Torah) und die Propheten.

 

 

Das wichtigste Gebot. Das erste Gebot. Der Anruf Gottes, der meine ganze Existenz bestimmen soll:

 

Höre Israel, unser Gott, Jahwe ist enzig. Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken. (Dtn 6,4-5)

 

 

Das erste Gebot: Gott lieben. Wie kann ich ein unsichtbares Gegenüber lieben? Ist Liebe nicht ein Gefühl? Kann man Liebe befehlen?

 

Du sollst Gott lieben, heisst es im Text.

 

 

Aber trägt das pure Gefühl selbst eine menschliche Beziehung? Ich erfahre zunächst, dass ich mich zu einer Person hingezogen fühle und im Idealfall von dieser Person geliebt werde. Dieses Hingezogen werden mündet in Leidenschaft, in Hingabe. Ich möchte mich mit meiner ganzen Existenz an diese Person binden, mich mit ihr vereinigen, sie durchdringen. Liebe führt zu einer Bindung an die andere Person. Im Wort Bindung findet sich auch das Wort Bund wieder. Bindung, Bund, Ehebund, Treuebund, wenn diese Beziehung verbindlich ist.

 

 

Das Alte Testament beschreibt die Beziehung zwischen Gott und Israel, zwischen Gott und dem Menschen in den Kategorien eines Ehebundes. So heisst es bei Hosea:

 

Ich verlobe dich mir auf ewig; / ich verlobe dich mir um den Brautpreis von Gerechtigkeit und Recht, / von Liebe und Erbarmen, ich verlobe dich mir / um den Brautpreis der Treue: / Dann wirst du den HERRN erkennen (Hos 2,21-2). Der Bund enthält das verpflichtende Element, fordert Treue und Loyalität, Verbindlichkeit, auch Verpflichtung, selbst wenn es unangenehm ist. Das muss nicht gegen das Gefühl sein und doch gibt Verbindlichkeit und Treue durch alle Schwierigkeiten hindurch dieser Bindung eine gewisse Tiefe und Reife. In diesem Sinne kann man durchaus von einem Gebot, einer Verbindlichkeit in der Liebe sprechen, auch Gott gegenüber, der sich an Israel und an die Menschen binden will:

 

 

Ich schließe zu ihren Gunsten an jenem Tag einen Bund / mit den Tieren des Feldes und den Vögeln des Himmels / und den Kriechtieren des Erdbodens. Bogen, Schwert und Krieg werde ich zerbrechen / und aus dem Land verbannen / und sie in Sicherheit schlafen lassen. (Hos 2,20)

 

 

Du sollst Gott lieben

 

 - mit deinem Herzen –

 

 aus der Mitte deiner Person heraus, dem Sitz des intuitiven Erkennens, Wollens und Fühlens

 

Du sollst Gott lieben

 

 – mit deiner ganzen Seele –

 

mit deiner ganzen Lebenskraft, mit Leidenschaft, mit Gefühl

 

Du sollst Gott lieben

 

 – mit deinem Denken –

 

mit all deinen Gedanken, mit deinem Verstand

 

 

Der Mensch, als Ganzes ist hineingezogen in diese Liebe Gottes, die alles umfasst. Gott als der Urgrund meiner Existenz, aus dem ich hervorgehe, der mich in meinem Leben trägt und zu dem ich wieder zurückkehre.

 

 

Aber Gott lieben, wie kann ich das erlernen? Überfordert mich das nicht? Wie kann ich Gott kennenlernen? Aus dem Nichts?

 

 

Die Fähigkeit zu lieben und zu vertrauen, erlerne ich zu allererst durch Andere. Manchmal kann es auch ein negatives Erlebnis sein, ein tiefer Schmerz, vielleicht das Gefühl von Verlassenheit oder Fremdheit, das mich näher zu Gott bringt. Ich lerne und erlerne täglich neu, was es heisst, Gott zu erfahren. Gott kennen und lieben lernen ist ein schrittweiser Prozess sowie wenn man einen Menschen kennen und lieben lernt. Doch ist diese Erfahrung immer eine vermittelte Erfahrung, über Andere, über das Leben selbst, der Schöpfung – nur selten auch eine unmittelbare.

 

 

Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.

 

 

Nicht von ungefähr stellt Jesus das zweite Gebot gleich neben das erste. Zunächst aus der Haltung heraus, dass es Glaube und Religion aus biblischer Sicht nie ohne konkrete Gerechtigkeit geben kann. Der Gott der Bibel ist ein konkreter Gott, ein rettender Gott, der ein konkretes gemeinschaftliches Miteinander fordert, das vor allem die Schwachen im Blick hat, selbst den Fremden (Lev 19,34).

 

 

Wer ist mein Nächster? Wem bin ich der Nächste?

 

 

Beantwortet wird diese Frage zur Zeit Jesu mit dem Verweis auf den nächsten Angehörigen, dem Mitglied des Volkes Israel.

 

 

Wer ist mein Nächster? Wem bin ich der Nächste?

 

 

Jesus selbst beantwortet diese Frage mit dem Gleichnis vom Barmherzigen Samariter. Dabei hat er vor allem den Notleidenden im Blick. Not trifft alle Menschen. Ob man die Not sieht und entsprechend handelt, hängt nicht so sehr vom Glauben oder der Volkszugehörigkeit ab, sondern von der Fähigkeit sich in die Not des Anderen hineinzuversetzen.

 

 

Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.

 

 

Du sollst Dich mit dem Anderen ganz solidarisieren, wie mit dir selber. Sich in ihn hineinversetzen können, Empathie zeigen.

 

Aber wieder dieses «Du sollst». Kann man Nächstenliebe oder Empathie befehlen?

 

 

Auch Empathie kann man über einen langen Transformationsprozess erlernen, wenn sie nicht natürlich angeboren ist. Ob man Empathie zeigen kann oder nicht, hängt auch von der Erziehung und der Lebenserfahrung ab.

 

 

Wie in der Gottesliebe, wird auch die Nächstenliebe durch das Geschaffene, durch meine Umgebung, durch den Anderen vermittelt. Umgekehrt ist die Gottesliebe, die Spiritualität auf den Anderen verwiesen. Es gibt keine Spiritualität im luftleeren Raum.

 

 

Die Frage: «Wer ist mein Nächster» muss vielleicht noch viel globaler gestellt werden. Liegt die Verbindung zwischen dem ersten und zweiten Gebot nicht in der gemeinsamen Verbundenheit aller Geschöpfe zum Schöpfer: Ich schließe zu ihren Gunsten an jenem Tag einen Bund / mit den Tieren des Feldes und den Vögeln des Himmels / und den Kriechtieren des Erdbodens.

 

 

Modern gesprochen, kann nicht auch die Schöpfung «mein Nächster» sein? Leidet nicht auch sie Not? Oder radikal gefragt, geht es bei der Nächstenliebe immer nur um die Linderung der Not des Anderen? Ist es nicht vielmehr wichtig, eine Grundhaltung der Liebe zu Gott, zu seinen Geschöpfen zu entwickeln. Eine Grundhaltung der Liebe, die aus Gott strömt und die sein Wesen ausmacht: Gott ist die Liebe. Und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott ihn ihm (1 Joh 4,16).

 

 

Wer ist mein Nächster?

 

 

Die Frage liesse sich auf dieser Weise beantworten: ich lebe immer schon in der Verwiesenheit auf Andere hin, in Gemeinschaft, in Beziehung. Ohne sie kann ich nicht leben, mich auch nicht spirituell entwickeln. Ich bin ein Teil des Ganzen. Deshalb spielt es eine Rolle wie ich mich in der Gemeinschaft, dem Nächsten gegenüber verhalte. Die Art und Weise wie wir miteinander umgehen, hat eine Auswirkung auf mein Leben in positiver wie negativer Hinsicht. Das betrifft auch die Schöpfung. Zerstören wir die Erde, so sind wir unserer Lebensgrundlage beraubt. Wir gehen selbst unter, aus Mangel an Liebe und Respekt dem Anderen gegenüber.

 

 

«Leidet ein Glied, so leiden alle anderen mit», sagt Paulus im Korintherbrief (1 Kor 12,26). Dem Nächsten in der Not beizustehen, ist nicht nur ein Akt der Solidarität, sondern eine Form der Heilung am Leib der Gemeinschaft, da wir alle miteinander verbunden sind. Ethisches Handeln erfährt somit seine Begründung in der Tiefe meines Seins, als Heilung am gemeinschaftlichen Leib der Menschheit und der Schöpfung. In der Bedürftigkeit des Nächsten spiegelt sich meine eigene Bedürftigkeit wider. Durch die Heilung des Anderen, heile ich mich selbst.

 

 

Daher stehen die beiden Gebote der Gottes- und Nächstenliebe nicht einfach unverbunden nebeneinander. Sie sind miteinander verbunden, in der Gestalt, in der alles Sein ihren Ursprung in der überfliessenden Liebe Gottes hat, die sich über die Schöpfung ergiesst. Die Schöpfung selbst ist von dieser grundlegenden Liebe getragen. Ohne Liebe und Verbundenheit untereinander können wir nicht leben, sondern gehen materiell wie seelisch zu Grunde. Daher ist die Liebe ein Gebot. Sie sichert unser Leben, unser Überleben und das Überleben der Erde, ohne die wir nicht existieren können.

 

 

 

 

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Pfarrerin Birgit Leisegang